Klimanotizen 88
Warum wächst der »Klimawandelskeptizismus«? Oder sollte man nicht besser fragen, warum progressive Lösungen der Bewohnbarkeitskrise trotz allen Wissens um die Notwendigkeit einfach zu wenig Anklang finden? Weil sie keine Befreiung von unseren Leiden versprechen, meint Ulrich Schachtschneider.
Warum wächst der »Klimawandelskeptizismus«? Und sollte man nicht besser fragen, warum progressive Lösungen der Bewohnbarkeitskrise trotz allen Wissens um die Notwendigkeit einfach zu wenig Anklang finden? Weil sie keine Befreiung von unseren Leiden versprechen, meint Ulrich Schachtschneider.
Einer neuen Studie zufolge hat »die skeptische Haltung gegenüber dem Klimawandel und damit verbundenen Prozessen und Maßnahmen« zwischen 2022 und 2023 erstmals seit Jahren und zudem deutlich zugenommen. Abgefragt wurden die Haltung gegenüber wissenschaftlichen Fakten, die sogenannte Prozess-Skepsis und die persönliche Bereitschaft, Einbußen durch Klimaschutz in Kauf zu nehmen. Ergebnis der Flensburger Forschung: 59 Prozent bekundeten 2023 insgesamt stärkere klimawandelskeptische Einstellungen als im Vorjahr.
Man liest dann Schlagzeilen wie »Obwohl die Folgen der Klimakrise zunehmend spürbar sind, bezweifeln immer mehr Menschen in Deutschland den Klimawandel und die Notwendigkeit von Klimaschutz.« Das steht in Kontrast zu zahlreichen anderen Studien, die ein differenzierteres und widersprüchlicheres Bild zeichnen: Große Mehrheiten erkennen die Gefahren der Klimakrise an, wollen auch mehr Klimaschutz, fürchten aber um ihre Arbeitsplätze, eingeübte Formen des Wohlstands. Klimapolitische Ziele werden im Grunde befürwortet, die Umsetzung aber bezweifelt, dies geht einher mit Erwartungen an »die Politik« und »die Unternehmen«, mehr zu tun. Konkrete Einzelmaßnahmen sind aus der Alltagsperspektive stark umstritten, die Gesellschaft aber zeigt sich veränderungsoffener als es das politische Duckmäusertum gegenüber den besonders lautstarken Minderheiten »besorgter Bürger« erwarten lässt.
Viel diskutiert wird über die Frage, wodurch klimapolitische Einstellungen motiviert sind. Die Flensburger Studie verweist darauf, dass der wachsende »Klimawandelskeptizismus« sich »weniger durch die individuelle ökonomische Lage erklären« ließe, »ausschlaggebend sind vielmehr subjektive Einstellungsfaktoren – etwa rechte politische Orientierungen, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, individualistische, hierarchische Orientierungen und Unzufriedenheit mit der Demokratie«. Aber auch diese Einstellungen müssen ja irgendwoher kommen. Haben sie vielleicht doch eine materielle Basis? Das sieht man offenbar auch in Flensburg so, denn man verbindet das Plädoyer für Klimaschutz und Transformationsprozesse mit der Mahnung, man müsse »diese Einstellungen ernst nehmen und Klimaschutz sozial gerecht gestalten«.
Landläufig werden daraus Forderungen nach geldwertem Schutz vor Belastungen oder finanzieller, sozial gestaffelter Förderung abgeleitet. Die dafür nötigen Ressourcen sollen aus sekundärer Umverteilung gewonnen werden. Die je individuelle Vermittlung von ökonomisch induzierten Ursachen und politischen Einstellungen dürfte aber etwas komplexer sein. Man kennt das aus der Forschung zu rechtsradikalen Einstellungen oder der Bereitschaft, die AfD zu wählen: Das lässt sich kaum als Reflex auf drohende Armut oder soziale Abstiegserfahrung erklären. Welche Rolle hingegen »blockierte Transformationskonflikte« dabei spielen und warum die sozialen und ökonomischen Faktoren nach der Petromoderne als zugleich planetare begriffen werden müssen, haben wir hier und nebenan immer wieder versucht, zum Thema zu machen. Warum die Leute verrückt werden, hat auch viel mit der um sich greifenden Ahnung zu tun, dass die Welt, in der wir leben, nicht nur zu Ende gehen wird, sondern bereits zu Ende gegangen ist. Das treibt Subjektivierungsformen noch zusätzlich an (»Narzissmus als Norm«), die schon strukturell im Kapitalismus angelegt sind, ob man will oder nicht - man trägt zur ökologischen Verwüstung bei und es gibt irgendwie keine Aussicht auf grundlegende Änderung.
Dieses »Gefühl des sich kontinuierlich verengenden Handlungsspielraums«, so Simon Schaupp jetzt in »konkret«, habe eine ökologische und eine ökonomische Dimension: »Sinkende Profitraten lassen immer weniger Spielraum für keynesianische Investitionsmechanismen oder wohlfahrtsstaatliche Politik. Überall herrschen Sachzwänge, und Beschäftigte nehmen die Welt zunehmend als feindselig wahr und sich selbst als ohnmächtig.« In der betrieblichen Forschung sehe man viel Ohnmachtserfahrung und also auch »verschiedene Ideologien der Resouveränisierung: etwa ein Rückfall in klassische Naturbeherrschung oder teils sogar gefeierte Naturzerstörung, oft eng verknüpft mit antifeministischen oder maskulinistischen Positionen und der Sehnsucht nach patriarchalen Vormachtstellungen«. Für eine progressive Wende erscheint Schaupp »ein Anknüpfen an die Erschöpfungserfahrung derzeit am erfolgversprechendsten, weil man damit die unsäglichen Kulturkämpfe überwinden kann. Es ist eine Erfahrung, die wirklich alle Lohnabhängigen eint und für die meisten Menschen als Resultat der Akkumulations- und Beschleunigungsdynamik erkennbar ist. Allerdings ist das kein Automatismus im Sinne einer Verelendungstheorie – je erschöpfter, desto rebellischer. Es gibt, wie ich vorher angesprochen habe, auch die gegenteilige Reaktion. Gerade deshalb muss die Erschöpfung politisch aktiviert werden – auf unterschiedliche, explizit progressive Weise.«
Aber wie macht man das? Christoph Menke geht seine »Theorie der Befreiung« mit der Beobachtung an, dass die Geschichte der Moderne eine Serie gescheiteter Befreiungen ist, die nur neue Zwänge und Abhängigkeiten hervorgebracht hat. Als Dialektik des Fortschritts steckt das auch in der Janusköpfigkeit des »demokratischen Kapitalismus«, dessen unbestreitbare Vorzüge gegenüber früheren Herrschaftsformen entweder auf Kosten anderer oder zu Lasten des Planeten gingen – so lange, bis nun alle sich in einer Bewohnbarkeitskrise wiederfinden, die noch kaum begriffen worden zu sein scheint. Wie kommt man da, wenn überhaupt, wieder raus?
Mit Befreiung, sagt Ulrich Schachtschneider. In einem gar nicht umfangreichen Bändchen geht es ihm darum, den zentralen Konflikt der planetaren Krise zu überwinden: Auf der einen Seite »ein ›We First‹, das Besitz, Status und ökonomische Gewohnheiten verteidigt, gegen ein ›We Care‹, das Verantwortung für andere und für die Zukunft übernimmt«. Immer mehr politische Auseinandersetzungen, auch solche über andere Themen, entstünden aus diesen polaren Paradigmen: »Will ich an meiner Bewegungs‐ und Geschäftsfreiheit auch in Zeiten einer Pandemie keine Abstriche machen oder bin ich bereit einschränkende Rücksicht zu nehmen? Ist das wichtigste, mein Business oder meine Position im alltäglichen Kapitalismus zu halten und auszubauen oder versuche ich zumindest den Anspruch auf Nachhaltigkeit ernst zu nehmen? Kommt ›unser Land zuerst‹ oder suche ich global faire Lösungen, die ›mich‹ oder ›uns‹ auch einschränken könnten? Will ich möglichst wenig Steuern zahlen und damit möglichst wenig Sozialleistungen finanzieren oder habe ich Empathie für Menschen in verschiedensten Bedürfnis‐ und Notlagen?« Und so fortan.
Die gegensätzlichen Leitorientierungen sind natürlich Idealtypen, »die Leute« reihen sich auf der Skala zwischen den Polen auf sehr verschiedenen Punkten ein – und jede für sich nach Thema auch selbst an unterschiedlichen Punkten. Aber Schachtschneider fürchtet, dass sich entlang der We-first-We-Care-Frontlinie langfristig »politischen Lager stabilisieren und verfestigen«, mit der Folge, dass »beide auf lange Sicht etwa gleich stark sein werden«, was auf der Ebene von Wahlen und Regierungsmehrheiten zu »dauerhaften Patts zwischen diesen habituellen und politischen Orientierungen« führen werde.
Dagegen zeigen sich die bisher verfolgten progressiven Strategien bisher zu schwachbrüstig. »Hergebrachte Ansätze jenseits von technologiezentrierter ökologischer Modernisierung wie etwa Umverteilung und Lohnkampf, Partizipation und betriebliche Demokratie, Wirtschaftsplanung durch Räte und ›Öko‐Sozialismus‹, Aufklärung und Bildung für den ›neuen‹ Menschen bis hin zu Praxen solidarischer Ökonomie und globaler Solidarität scheinen über die eigene Blase kaum hinauszukommen.« Vor allem sind sie in Schachtschneiders Augen »nicht attraktiv genug für jene Schichten, die sich in dieser Gesellschaft mehr oder weniger unterdrückt bzw. bedroht fühlen und daher zum ›We First‹ tendieren«.
Abhilfe könne schaffen, die sozial‐ökologische Transformation »als individuelle Befreiung aus diesen (realen und/oder gefühlten) Unterdrückungs‐ und Bedrohungskonstellationen zu denken und zu praktizieren«. Es müsse »die Aussicht auf ein besseres, ein weniger herrschaftlich unterworfenes Leben« geben, Hoffnung auf eine »soziale Freiheit«, die »Entfaltung der Einzelnen nicht trotz, sondern durch die kommende Gesellschaft der sozial‐ökologischen Transformation« ermöglicht. Schachtschneider greift in seiner Argumentation auf die Forschung zu »sozial‐ökologische Mentalitäten« zurück, leitet die »We First«‐ und »We Care«‐Orientierungen also aus »Erfahrungen in der beruflichen Arbeit, der gefühlten Stellung in der Gesellschaft, der gendermäßigen Sozialisation und anderen sozialisatorischen Einflüssen« ab. Danach werden einige prototypische progressive Ansätze und ihr begrenzter Widerhall in der Gesellschaft diskutiert, die Schachtschneider auf eine »mangelnde anfängliche Verankerung in sozialen (Mikro‑)Praxen« zurückführt: Aufklärung oder beispielgebende Praxen allein reichten nicht aus, wenn diese nicht in einer »attraktiven Vision der Befreiung von den als problematisch empfundenen Zuständen« der Einzelnen erscheinen: als Befreiung von »ihren Leiden«.
Wie solche alltagsweltlichen Problemempfindungen aufgegriffen werden können, stellt Schachtschneider an den drei beispielhaften »Leidensfeldern« ökonomische Unsicherheit, mangelnde Work‐Life‐Balance und Abgehängt‐Sein vor; zeigt an ihnen, wie »durch veränderte, zunächst kleinräumige Praxen die Erfahrung gemacht werden kann, dass sozial‐ökologische Transformation nicht nur Belastung bedeutet« und schlägt daran anknüpfend drei Beispiele für »große Wörter« vor, die »eine ›soziale Ästhetik‹ symbolisieren: ›Materielle Menschenrechte‹, ›soziale Freiheit‹ und ›Wir sind eins‹«. Dass es ohne »weniger Kapitalismus« nicht gehen wird, ist sich Schachtschneider dabei so sicher, wie »dass wir nicht den historischen Fehler der Linken, weitgehend alles ›sozialistisch‹ zu vergesellschaften, wiederholen wollen«. Mit Erik Olin Wright will Schachtschneider der Angemessenheit unterschiedlicher politischer Strategien (sich erweiternde Freiräume, reformistische Symbiosen oder revolutionäre Brüche) nicht vorgreifen. Und mit Hegel will er die große Umwälzung als »Negation der Negation« verstehen: »Das ›We Care‹ hat sich herausgebildet als Negation des kapitaldominierten ›We First‹, wird aber nicht selbst das neue Paradigma, die neue ›These‹ sein können.«
Wie die Aufhebung konkret aussehen soll und kann, ist nicht Thema des Buches. Ob die vorgestellten verändernden Ansätze, die »kleinen Schritte« und ihre jeweilige Verbindung mit »großen Wörtern« die richtigen sind, kann man diskutieren. Auch Schachtschneiders kritischer Parforceritt durch soziale Bündniskonstellationen (Mitte-unten, ökologische Klasse, populistisches Wir) wird nicht überall Nicken ernten. Aber das ist auch nicht der Kern des Buches Schachtschneider geht es um die Frage, wie »Praxen der sozial‐ökologischen Transformation als Aufhebung der Gegensätze von ›We First‹ und ›We Care‹ politisch vorangebracht werden« können. Und an dieser Stelle ist sein Insistieren auf eine Idee von »Befreiung« wichtig, die nicht (nur) von rationaler Begründbarkeit ausgeht, sondern von einem zu überwindenden »Leiden«.
In der politischen Kommunikation sich dem progressiven Lager zuzurechnender Formationen spielt das oft nur am Rande eine Rolle. Stattdessen wird die Erfahrung des Leidens (unabsichtlich) verstärkt: Wenn mal wieder ein Linksparteipolitiker versucht, mit neuen Statistiken über sozialpolitische Missstände in einer Zeitung zitiert zu werden. »Altersarmut wächst immer weiter« macht aber mehr Angst als es in sich eine auf die gefühlspolitische Ebene zielende Linderung trägt – und überträgt. Das kann auch der Verweis auf das angeblich so gut funktionierende österreichische Rentenmodell nicht kompensieren. Denn der stößt auf die schon ganz allgemein gewordene »Ohnmachtserfahrung« (siehe oben), bietet aber keine eigenständige, gar progressive Form der Resouveränisierung an.
Oben angesprochener Menke sieht es als das eigentlich radikale Moment an, dass und wie die Befreiung die Art und Weise verändert, »wie wir Bestimmungen vornehmen: wie wir wahrnehmen, empfinden, wünschen, wollen, dass etwas, eingeschlossen wir selbst, ist (oder sein soll)«. Unabhängig davon, wie die Bestimmung im Einzelnen ausfällt, ist hier auf die Bedeutung der individuellen Ebene verwiesen, auf der sich Emotion, Gefühl, Affekt bewegen. »Nicht nur rational‐theoretisch begründbare Notwendigkeiten und Ideen einer progressiven Gesellschaftsveränderung« spielten eine Rolle, »sondern deren Zusammentreffen mit einer die Subjekte ergreifenden politischen Ästhetik – mit einem sie affizierenden Gefühl, dass gerade etwas politisch Großartiges passiert und sie dabei sind«, so Schachtschneider. Sein Plädoyer reiht sich ein in jene Publikationen, die sich keine Illusionen mehr machen – aber auch nicht alle Visionen fahren lassen wollen.