Klimanotizen 89

Wir sind es, die in »Teufels Küche« das Feuer schüren. Fossile Brennstoffe und »Verbrenner«-Fetisch haben uns ins Pyrozän geführt, die Bilder davon sind allgegenwärtig. Trotzdem – oder: deshalb wollen wir von unserem Wissen nichts wissen. Außerdem: Wissenswertes über Waldbrände.

Joachim Müller-Jung vor einigen Wochen eine neue Zusammenfassung zum Stand des Wissens über die Klimakrise betitelt. Zehntausende Hitzetote, ausgetrocknete Flüsse, Vegatationsbrände, schwindende Wasserressourcen… »Immer öfter und noch nie so drastisch wie in diesem Frühsommer ist der offensichtliche Regimewechsel, der sich mit der Aufheizung des Planeten vollzieht, überall spürbar. Das Klima destabilisiert sich, und das verunsichert auch zunehmend die Experten.« Stellvertretend wird Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zitiert, der einen »freien Fall« des Weltklimas und für möglich hält: »Die Gesellschaften sind unvorbereitet.« Und womöglich lässt sich das auch gar nicht vollständig ändern: »Das größte Problem ist die Geschwindigkeit«, sagt Andreas Becker, Leiter der Klimaüberwachung beim DWD. »Das erzeugt Drücke im System und gewaltige Anpassungsdrücke bei uns Menschen, die schwer zu bewältigen sind.« 

»Teufels Küche« passt nicht nur als Sinnbild für die wachsenden Schwierigkeiten, eine hoch dynamische und sehr komplexe Entwicklung irgendwie noch in den Griff zu bekommen. Sie passt auch als Gleichnis für die Entstehung der bangemachenden Hitze: Es ist der Mensch selbst, der darin kocht, und die Geschichte seines Verhältnisses zum Feuer kehrt sich nun gegen ihn.

Der Historiker Stephen Pyne zeichnet folgende Linie: »Das erste Feuer ist das ursprüngliche, von der Natur erzeugte, durch Blitzschlag oder Vulkane. Das zweite Feuer ist das vom Menschen genutzte und eingehegte. Das dritte gibt es, seit die Verbrennung der lithischen Landschaften begann, die die industrielle Revolution in Gang setzte und heute für die Erderwärmung sorgt.« Im deutschen Fetischwort »Verbrenner« wird der Zusammenhang auf die heiße Spitze getrieben: Es war ja über all die Jahrzehnte nicht Autos, die Autos kauften und fuhren. Das Feuer in Teufels Küche haben wir selbst geschürt. Mit unterirdischen, der geologischen Tiefenzeit entstammenden Brennstoffen. »Wir nehmen etwas aus einer anderen Zeit, hantieren in der Gegenwart damit und sind überrascht, dass unvorhergesehene Dinge passieren. Wir sind dabei, das Äquivalent einer Eiszeit zu schaffen, nur mit Feuer: Wir leben im Pyrozän.«

Pyne spricht mit Blick auf die Vegetationsbrände dieser Saison noch etwas anderes an: Während die »Krone der Schöpfung« sich viel darauf einbildete, »das Feuer zu bändigen«, wurde daraus zugleich eine hoch entzündliche Obsession: Am Feuer wurde »das Chaotische, Unkontrollierte« gehasst und gefürchtet, es »wurde mit sozialer Unordnung gleichgesetzt, davor hatte man Angst«. Das führte, angetrieben von neuen Treibstoffen und Produktionsmethoden aus »Teufels Küche«, zu einer stark veränderten Landnutzung, die traditionelles Feuermanagement verdrängte: »kontrollierte Feuer, innerhalb einer Matrix, die heute verschwunden ist: kleinteilige, mosaikhafte Landschaften, die für die Eindämmung eines Brandes sorgten«.

Genau hier, sagt auch die französische Philosophin Joëlle Zask, liegen die womöglich letzten verbliebenen Abwehrmittel. Immer öfter komme es zu »Megafeuern«, eine neue Art von Waldbrand von großer Intensität und unkontrollierbarer Ausbreitung, die Wälder auch noch dauerhaft zerstören. Zask sieht wie Pyne neben der Verwandlung von natürlicher Landschaft in Rohstoff-Plantagen »das Verschwinden traditioneller Feuerkulturen« als Ursache, welche über kontrollierte Brände und Brandrodung den Trockenmassegehalt auszugleichen in der Lage waren. 

Und was machen die »Schnappschüsse der Apokalypse« mit uns, die allverfügbaren Bilder der Folgen jener aus »Teufels Küche« ausgebrochenen biophysikalischen Existenzkrise? Spektakularisierung und Lähmung sieht Zask hier, »sobald das Feuer vorüber ist und der Regen zurückkehrt, ist alles vergessen«. Aber warum? Petra Ahne sieht zwar die Spuren, welche Hitze und Brände in der Sprache hinterlassen, etwa wenn im Japanischen nun »Kokushobi« für »grausam heißer Tag« mit Temperaturen über 40 Grad steht. Aber: »Die neuen Bezeichnungen tragen das Bedrohliche der Klimawandel-Realität in sich, normalisieren sie aber auch: So ist das jetzt eben.«

Bernd Ulrich erinnert noch einmal an einen schon älteren Erklärungsversuch dafür, »warum so wenig unternommen, diskutiert und demonstriert, getrauert und gestritten wird, obwohl in diesem Sommer die Klimakrise so brutal und unüberfühlbar zuschlägt«: Gerade weil das so ist, »gerade weil wir wissen, dass es in Zukunft noch schlimmer kommen wird, wollen so viele Menschen darüber nicht zu sehr reden, will die Politik möglichst nichts davon wissen« – weil sich »auf den unterhalb der Öffentlichkeit und der politischen Debatte liegenden Bewusstseinsstufen« eine »tiefe, wiewohl uneingestandene Klimascham« eingenistet hat, die daher rührt, dass nicht wirkungsvoll dagegen gesteuert wird. Weil wir so weitermachen, wie immer, schämen wir uns insgeheim, und weil wir uns schämen, wollen wir so wenig wie möglich von allem wissen, »was irgendwie mit Klima zu tun haben und was auf diese Weise an die eigene fatale Entscheidung erinnern könnte«. Verdrängung von Ursache, Wirkung und Folgen. »Teufels Küche« ist auch eine Tabuzone.

Der Historiker Peter Frankopan steuert zu den Bränden dieses Sommers dies bei: Zwar habe sich das Klima historisch immer einmal verändert, was Anpassung nach sich zog. Heute habe man es aber mit einer ganz anderen  Geschwindigkeit der Veränderungen zu tun. »Hinzu kommt, dass sich in der Vergangenheit manche Teile der Welt erwärmten, während sich andere gleichzeitig abkühlten. Heute dagegen erwärmt sich nahezu der gesamte Planet zur selben Zeit. Diese Kombination aus Geschwindigkeit und globaler Gleichzeitigkeit stellt die eigentliche Herausforderung dar.« Eine weitere sei europäische Heuchelei: »Wir wollen die Vorteile einer starken Industrie, ohne den ökologischen Preis dafür zu bezahlen. Als Konsumenten kaufen wir gerne Waren, die in anderen Teilen der Welt hergestellt werden. Wir akzeptieren damit, dass Emissionen und Schadstoffkonzentrationen in Ländern wie China oder Indien steigen. Gleichzeitig fühlen wir uns in Europa besser, weil die Produkte nicht hier hergestellt werden und die unmittelbaren Umweltschäden anderswo entstehen.«

Merke: In »Teufels Küche« stehen nicht alle in gleicher Entfernung zum Herd. Worauf auch Thomas Schmid hinauswill, dem zu »Feuerland« der Hinweis auf etwas einfällt, was er hält für »den Kern des Problems: dass nämlich alle Nutznießer einer Produktions- und Lebensweise sind, die eben auch ökologische Schäden verursacht«. Aus seiner Zeit beim »Revolutionären Kampf« wird er noch wissen, dass »alle« vor allem global betrachtet eine Torte aus vielen Schichten ist, die nicht alle oben liegen können.

»Heute steckt in der berechtigten Mahnungen vor den Gefahren der technischen Zivilisation ein tiefsitzender Pessimismus«, wundert sich Schmid nach einem Ausflug in die Geschichte des verheerenden Erdbebens von Lissabon 1755. Es habe »keinen Sinn, die sich häufenden Waldbrände wie ein Menetekel anzustarren«, sie könnten »mit den Mitteln der menschlichen Zivilisation eingedämmt, wenn auch nicht ganz verhindert werden«. Man müsse eben lernen, »mit zweitbesten Lösungen« umzugehen. Dazu gleich noch einmal, zuerst aber noch einen Satz zu Schmids »handwerklichen Pragmatismus« am konkreten Fallbeispiel.

Joachim Müller-Jung hat auf etwas hingewiesen, das mit Frankopans Geschwindigkeit und der eskalierenden Dynamik in »Teufels Küche« zu tun hat: » Um durchschnittlich 40 Prozent ist die Zahl der Wald- und Buschbrände in den am stärksten bedrohten Mittelmeerländern Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Griechenland in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen« – »Allein: Es reicht nicht. Sie löschen mehr, unterdrücken mehr Feuer, sind besser organisiert, sie nutzen nachweislich auch mehr Löschflugzeuge und Löschfahrzeuge. Und doch fliegen ihnen im zweiten Rekordjahr in Folge die Flammen förmlich um die Ohren.« 

Müller-Jung schreibt dies anhand einer Studie, deren Fazit lautet: Zwar war die Feuerbekämpfung trotz Verdoppelung der Zahl der riskanten Feuerwettertage oft erfolgreich, weil immer mehr Brände früh gelöscht werden, was zu einer Abnahme der verbrannten Fläche führte. »Doch zugleich wurden die Brände, wenn sie erst einmal außer Kontrolle waren, immer intensiver und größer – vor allem in jüngster Zeit.« Das zeigt auch eine andere Studie, laut der 2026 in Europa schon jetzt mehr Fläche verbrannt als im jährlichen Durchschnitt von 2006 bis 2025. Die Brandflächen könnten sich je nach Modellierung durch den Klimawandel fast verdreifachen – wie Prävention und Bekämpfung diesen Anstieg zu mindern in der Lage sind, bleibe unsicher. 

Hier nehmen Expertinnen und Experten zur Lage unter anderen in der Bundesrepublik Stellung, plädieren für eine ganzheitliche Betrachtung von Bränden in der Kulturlandschaft statt eines ausschließlichen Fokus auf Waldbrände und weisen auf Zielkonflikte beim langfristigen Waldumbau hin. Um die Verbreitung von Waldbrand-Aerosolen in Europa geht es in diesem Fach-Überblick, der unter anderem die Folgen für die Gesundheit in den Blick nimmt. Und hier berichtet der Forstwissenschaftler Michael Müller über Zustand und Brandgefahren in deutschen Wäldern. In mehreren Bundesländern existiere seit Jahren ein Waldbrandüberwachungssystem mit Kameras und automatischer Bildauswertung, die dort etwa 50 Prozent aller Waldbrände frühzeitig entdecken. »Die andere Hälfte der Brände meldet die Bevölkerung. In 99 Prozent der Fälle lässt sich ein Brand daher schnell in den Griff bekommen.« 

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