Klimanotizen 86

Mitten in einer gravierenden Hitzewelle legt die Rentenkommission ihre Vorschläge vor. Für zunehmende Klimasterblichkeit oder planetare Auswirkungen seiner Empfehlungen hat sich das Gremium offenbar nicht besonders interessiert.

Wo stehen wir? Versuchen wir heute einmal, drei Punkte miteinander zu verbinden. 

Erstens: Dieser Tage ist ein Volumenanteil von über 431 ppm Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre erreicht. Als der Autor dieser Notizen 1974 geboren wurde, lag der Wert bei etwa 330 ppm. Vier Jahre später startete William N. Barbat seinen »CO2-Newsletter«. Alle zwei Monate erscheinend, wurden darin die Fortschritte im Kenntnisstand zum CO2-Treibhauseffekt zusammengefasst. Barbat war optimistisch, dass, »sobald der Öffentlichkeit bewusst wird, dass das CO2-Problem keine bloße Einbildung ist und die Auswirkungen schon in naher Zukunft zu erwarten sind«, auch Einstellungen und Politik sich ändern würden. »Nur tiefgreifende, geradezu revolutionäre Veränderungen«, so Barbat, »scheinen geeignet, die erwarteten negativen Folgen abzuwenden.« Nun ja.

Zweitens: Entsprechend seinem Geburtsjahrgang gehört der Autor zu jenen, deren Renteneintrittsalter bei einer früheren Reform auf 67 Jahre erhöht wurde. Nun soll eine weitere folgen. Eine Kommission hat 33 einzelne Vorschläge vorgelegt, die Parteien, welche die Regierung tragen, wollen diese ohne »Rosinenpickerei« umsetzen, heißt es. Das Vorhaben gibt vor, zur Stabilisierung der Altersvorsorge jüngerer und kommender Generationen beizutragen. Die unterschiedlichen Reaktionen der Interessenvertretungen der Arbeit und des Kapitals zeigen, dass es hier in Wahrheit um Verteilungskonflikte und die Frage geht, wie viel lebendige Arbeit der Mehrwertproduktion auch künftig zur Verfügung steht. »Das Renteneintrittsalter soll moderat angehoben und an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Legt man die aktuell erwartete Entwicklung der Lebenserwartung zugrunde, so würde die Regelaltersgrenze etwa alle zehn Jahre um ein halbes Jahr steigen«, teilt das Ministerium mit. Außerdem wird eine gesetzliche Kapitalrente in der Rentenversicherung eingeführt, deren Erträge sollen langfristig das Rentenniveau stabilisieren. Damit wird ein Teil der Altersversorgung von den »Erwartungen der Marktteilnehmer« abhängig gemacht, welche sich in Börsenkursen Ausdruck verschaffen. Dabei gilt als positiv, was in biophysikalischer Hinsicht allermeist negative Folgen hat: steigende Nachfrage (also mehr Konsum), ökonomisches Wachstum (das vom Naturverbrauch nicht zu entkoppeln ist), zunehmende Profite (die mit der Externalisierung ökologischer Kosten einhergehen).

Drittens und etwas zugespitzt: Es wird also, damit die neue Säule der Rente funktioniert, nicht nur der Kohlenstoffdioxidanteil in der Atmosphäre weiter steigen. Das führt, und wir alle wissen es nicht erst seit Barbats »CO2-Newsletter«, unter anderem zu einem immer krisenhafteren Klima und unter anderem zu früher einsetzenden, länger andauernden und heißeren Hitzewellen. Die gegenwärtig global wahrscheinlichen 3 Grad plus werden hierzulande rund 6 Grad plus ausmachen. Wenn die Krise nicht noch weiter eskaliert. Jede Menge Negativrekordwerte bringt der Klimawandel aber ohnehin schon jetzt hervor. Und er ist tödlich, was sich zum Beispiel unter dem aktuellen »Hitzedom« – ähm: erleben lässt. Seit Jahren wird unter anderem dazu geforscht, wie sich Temperaturanstieg auf die Zunahme Zunahme vorzeitiger Todesfälle auswirkt. Ohne Anpassungsmaßnahmen und im Szenario mit dem stärksten Temperaturanstieg um 50 Prozent, hat man zum Beispiel hier ausgerechnet. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, »dass ein globaler Temperaturanstieg um ein Grad Celsius mit einem Rückgang der durchschnittlichen menschlichen Lebenserwartung um etwa 0,44 Jahre oder etwa fünf Monate und eine Woche verbunden ist«. Werden weitere Folge-Faktoren der Erderhitzung berücksichtigt, dürfte eine Zunahme um ein Grad »die durchschnittliche Lebenserwartung um sechs Monate verringern«. 

Man wird solche Ergebnisse vorsichtig behandeln müssen, hier finden sich Statements von Expertinnen dazu. Dass vor allem an Tagen mit heißen (ab 25 Grad Celsius) und sehr heißen (ab 27 Grad Celsius) Tagesmitteltemperaturen deutliche Anstiege der hitzebedingten Todesfälle festgestellt werden, lässt sich aber nicht in Abrede stellen. Ebenso wenig, dass das Risiko, durch Hitzewellen gefährdet zu sein, immer weiter steigt und immer mehr Menschen betrifft. Für die Sommer 2023 und 2024 wird die Zahl hitzebedingter Todesfälle in Deutschland auf jeweils 3.000 berechnet. Für 2025 geht das Robert-Koch-Institut von 2.500 zusätzlichen Todesfällen aus. Zu dieser Mortalitätskomponente wird man eine Morbiditätskomponente hinzufügen müssen, die Krankheitslast steigt. Wie genau der Einfluss des Klimawandels dabei ist, wird derzeit noch untersucht. Der Hitzestress jedenfalls nimmt zu. Hier erläutern Fachleute aus der Medizin die Auswirkungen. Hier findet sich eine Studie zum »Einfluss des Klimawandels auf die Morbidität und Mortalität von Atemwegserkrankungen«. Hier kann man zur Weiterentwicklung von Methoden zur Feststellung hitzebedingter Übersterblichkeit nachlesen. Hier hat das Robert-Koch-Institut Informationen und Daten auf einer Themenseite zusammengestellt. Und diese Studie legt nahe, dass Hitzeperioden den Körper biologisch um viele Monate altern lassen können (dazu auch hier). 

Allzu gewagt scheint folgende Prognose also nicht: Die Zunahme von klimabedingten Gesundheitsrisiken bei einer bisher ungebremsten und möglicherweise sogar beschleunigten Klimakrise wird nicht ohne Einfluss auf die Lebenserwartung bleiben. Deren jahrzehntelanger Anstieg hat sich seit Ende der 2000er-Jahre laut Statistischen Bundesamt ohnehin verlangsamt, unter anderem haben starke Grippewellen und die Coronapandemie durchgeschlagen. »Im Vergleich der Sterbetafeln 2017/2019 und 2022/2024 ist die Lebenserwartung bei Geburt sogar etwas zurückgegangen.« 

Und so bleiben Fragen: Hat die Klimakrise in den Beratungen der Rentenkommission überhaupt eine Rolle gespielt? Begriffe wie »Klima« oder »Umwelt« finden sich im Abschlussbericht nicht. Kann man, wie die Kommission, »von der Zuversicht getragen« sein, »den Generationenvertrag auf neue und tragfähige Füße stellen zu können«, wenn man planetare Pointen seiner eigenen Empfehlungen – siehe Kapitalsäule und deren stofflich-energetische Seite – gar nicht hinterfragt? Zumal die Kommission sich wie die Einleitung ihres Berichts zeigt, bewusst auf ein Feld begeben hat, in der Maßnahmen und Wirkungen »über lange Zeiträume hinweg« betrachtet werden müssen. Wenn schon bis 2030 allein Hitzewellen zu Verlusten von rund 112,5 Milliarden Euro bei deutschen Unternehmen führen können, müsste sich dann nicht auch Rentenpolitik für die Klimakrise interessieren, weil diese Auswirkungen auf Stabilität und Finanzierung der Altersversorgung hat? Hat irgendjemand den Gedanken wenigstens einmal zur Diskussion gestellt, dass eine im Grunde auf ökonomischem »immer mehr« gründende Altersversorgung nicht geeignet sein kann, zur Beachtung planetarer Grenzen beizutragen? Oder, die Folgen der Klimakrise betont: Sind die prognostizierten gravierenden Einkommenseinbußen durch den Klimawandel in den Kommissionsbericht einberechnet? Wurden die sozial ungleichen Folgen von Hitzewellen – Wohnort, Exposition in der Lohnarbeit – diskutiert und ihre Folgen für Lebenserwartung und damit Rentenbezug diskutiert? Und ist es angesichts der biophysikalischen Krise angebracht, weiter allgemein von einer positiven Entwicklung der Lebenserwartung auszugehen, zumal die Kommission in ihrem Bericht ausdrücklich »realitätsnahe Schätzungen« einfordert?

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