Reden, was sonst?

Hat Jürgen Habermas nicht ernsthaft über die drängende Gefahr der ökologischen Zerstörung geredet? Was vermag der Ansatz der kommunikativen Vernunft heute noch bewirken? Über das Nachrufewesen, Habermas und die DDR sowie »Folgeprobleme spätkapitalistischen Wachstums«.

Hat Jürgen Habermas nicht ernsthaft über die drängende Gefahr der ökologischen Zerstörung geredet? Was vermag der Ansatz der kommunikativen Vernunft heute noch bewirken? Über das Nachrufewesen, Habermas und die DDR sowie »Folgeprobleme spätkapitalistischen Wachstums«.

Sollte man Nachrufe lesen? Eine Woche ist seit dem Tod von Jürgen Habermas vergangen, viele Würdigungen sind geschrieben. Wer sich eine nur flüchtige Gesamtschau vornimmt, könnte Lust auf eine kleine Soziologie feuilletonistischer Nekrologe entwickeln. Denn was da und wie (und was nicht) geschrieben ist, müsste in der Summe ja mehr als nur sehr viele Buchstaben ergeben. Zum Beispiel einen, wenn auch nur ausschnittartigen Blick darauf, welche unterschiedlichen Nachrufweisen es gibt, auf welchen materiellen oder sonstigen Bedingungen diese jeweils gründen und ob das dann per »Öffentlichkeit« vermittelt irgendwie auf die Möglichkeiten zurückwirkt, die Frage »Was tun?« zu beantworten.

»Reden, was sonst?«, das war »seine Antwort auf die Frage«, schreibt Jörg Später in der TAZ (im vielleicht besten der hier behandelten Texte). Viele andere reden erst einmal über sich, darüber etwa, wie sie von Habermas in Starnberg empfangen wurden. llko-Sascha Kowalczuk hat seinem Habermas-Nachruf eine diesbezügliche Kritik (»Jede Begegnung mit Großen macht auch den Kleinsten überragend«) beigegeben – um dann aber auch recht viel über sich selbst zu schreiben, wobei die Variante des demonstrativen Licht-unter-den Scheffel-Stellens zur Anwendung kommt (»Von den 117 cm habe ich vermutlich nicht einmal 17 cm verstanden.«).

Um einige Zentimeter ragt Kowalczuks Würdigung dennoch aus der Textproduktion heraus, weil er sich mit dem »Desinteresse von Jürgen Habermas am realen Kommunismus« sowie der Rolle auseinandersetzt, die dessen Schriften in der DDR und in der dortigen Opposition spielten (»Selbst in den Tagebüchern von Wolf Biermann taucht Habermas als Besucher 1968 auf.«) Und Kowalczuk bringt in dem ihm eigentümlichen Furor etwas zum Ausdruck, das mit Habermas nur am Rande, mit dem Problem geteilter Öffentlichkeiten und Lebenswelten aber viel zu tun hat: die westliche Selbstbezüglichkeit »der politischen und intellektuellen Klasse der Bundesrepublik«, die an »1989« nur verstand und verstehen wollte, was das sie selbst anging. Kowalczuk: »Nein, es ging ausnahmsweise mal nicht um Euch, so laut Ihr es auch herausgebrüllt haben mögt. Die meisten haben es bis heute nicht verstanden.«

Volker Braun meinte einmal, »die Ostdeutschen« hätten jenen im Westen »eine Wende voraus«: »Wohin sollen sich die Westdeutschen wenden?« Das ist wieder die Was-tun-Frage, und also mit Habermas jene Antwort, dass man eben reden müsste. Nur worüber? Oder: Worüber vor allem? Braun sah die Pointe der »Wende« von 1989 und der auf sie folgenden Wahl von 1990 seinerzeit so: »Wir haben die Verhältnisse der Bundesrepublik durch unsere Wahl so vollkommen salviert, dass wir nun Verantwortung für sie tragen. Wir haben mit unserem fraglosen Übertritt ihr Leben bestätigt, dass sie selber bezweifelten«. Es habe »dem Kapitalismus gar nichts Schlechteres passieren« können als der Untergang seines Gegenüber, dessen Vorzug eben vor allem oder nur darin bestand: ein Gegenüber immerhin zu sein und damit die Möglichkeit einer Alternative denkbar zu halten.

Habermas’ Thema war eine grundlegende Alternative zum Bestehenden nicht. Dafür war ihm wohl auch biografisch das Bestehende schon eine schützenswerte Alternative, er hatte das Davor noch bewusst erlebt und wuchs in einem weiterhin sehr dunklen Danach intellektuell und politisch groß. Das macht verständlich, warum er, wie Alex Demirovic eher zu bemängeln scheint, »eine Art überparteilich-schiedsrichterliche Position« eingenommen habe, »die die Erfolge eines demokratisierten wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus verteidigen wollte«.

Auch Tania Martini (wie viele andere) erinnert (in der FAZ) Habermas als »der gute Geist der Bundesrepublik, der demokratisch legitimierte Institutionen verteidigte und für eine deliberative Demokratie eintrat, in der politische Entscheidungen durch rationale Argumente begründet werden«. Das ist in Zeiten von AfD, politisch gewollter sowie technisch erleichterter Wissens- und Wahrheitsrelativierung, in Zeiten von Trump und so weiter keinesfalls nichts. Reicht es aber hin?

Es gibt im allgemeinen Nachrufewesen wiederkehrende Aspekte, etwa den Schubladen-Text, weil Redaktionen vorbereitet sein wollen. So konnte denn auch der vergangenen November verstorbene Micha Brumlik Habermas kondolieren (irgendwie und irgendwarum ist der Text online verschwunden). Es gibt den Politiker-Nachruf, der weniger als Respektbekundung erscheint als vielmehr dem wachsenden Bekenntniszwang geschuldet ist – und der heute viele Formen von »als Farce« kennt: vom »R.I.P.«-Tweet bis zu Weimers amtlicher Äußerung, »angesichts heutiger Polarisierungen sollten wir uns auf Jürgen Habermas‘ zwanglosen Zwang des besseren Arguments besinnen«. (Aber dazu muss man doch überhaupt erst einmal ein Argument haben!)

Eine noch nicht so alte Unterabteilung des Nachrufewesen sind die schnell eingeholten Kurz-Statements von mehr oder weniger prominenten Leuten, deren Auftauchen auf den dann immer etwas textübervoll erscheinenden Seiten zugleich auch legitimiert, dass sie in anderen, zum Nachrufewesen ebenfalls zu rechnenden Texten als Kandidatinnen auftauchen, die jeweiligen »Riesenlücke« zu füllen (hinterlassene Riesenlücken sind ebenso etwas Nachrufespezifisches, aber das liegt irgendwie ja in der Natur der Sache).

Hedwig Richter ist in dem einen Zusammenhang nicht genannt worden, gehörte aber in dem anderen zu den Beiträgerinnen. Das ist insofern von Interesse, als dass es zum Nachrufewesen nicht nur gehört, personelle »Riesenlücken« in der Intelligenzja auszumachen oder auszufüllen, sondern auch auf Denk- und Themenlücken der Verstorbenen hinzuweisen. Richter hat sich in einem so genannten Sozialen Netzwerk (Habermas: »Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit«) zu einer solchen Lücke geäußert: »Vielleicht ist die Tatsache, dass Habermas nicht ernsthaft über die drängende Gefahr der ökologischen Zerstörung geredet hat, ein Anzeichen dafür, wie lost sein Ansatz der kommunikativen Vernunft ist.«

Hier ist sie immerhin aufgegriffen, die Frage nach dem, was hinreichend wäre. Im Netzt wurde nach Richters Einlassung einerseits einiger Tumult um die Verwendung des Begriffes »lost« veranstaltet, andererseits die Frage erörtert, ob denn Habermas wirklich »nicht ernsthaft« von dieser Frage gehandelt habe. Der an der Quelle sitzende und nicht nur in dieser Frage kundige Heinrich Geiselberger konnte umgehend Seite 63 aus den »Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus« aufschlagen, wo Habermas »Folgeprobleme spätkapitalistischen Wachstums« diskutiert – unter anderem anhand der Energiefrage:

»Wenn wirtschaftliches Wachstum mit steigendem Energieverbrauch notwendig gekoppelt ist, und wenn allein wirtschaftlich nutzbare Energie verwandelte Naturenergie - und zwar deren gesamter Energieinhalt und nicht nur der Anteil, der bei Transport und Umwandlung verlorengeht - letztlich als Wärme freigesetzt wird, dann muß der steigende Energieverbrauch auf die Dauer eine globale Erwärmung zur Folge haben. Die Ermittlung der kritischen Zeitspannen ist wiederum empirisch nicht einfach, da wir den Energieverbrauch in Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum und den Einfluß des Energieverbrauchs auf das Klima bestimmen müssen (nach dem derzeitigen Wissensstand ergibt sich ein kritisches Zeitintervall von etwa 75-150 Jahren). Immerhin zeigen diese Überlegungen, daß ein exponentielles Wachstum von Bevölkerung und Produktion, also die Ausdehnung der Kontrolle über die äußere Natur, eines Tages an Grenzen der biologischen Umweltkapazität stoßen muss. Das gilt unspezifisch für alle komplexen Gesellschaftssysteme. Systemspezifisch sind die Möglichkeiten, ökologische Gefährdungen abzuwenden. Kapitalistische Gesellschaften können Imperativen der Wachstumsbegrenzung ohne Preisgabe ihres Organisationsprinzips nicht folgen, weil die Umstellung vom naturwüchsigen kapitalistischen Wachstum auf qualitatives Wachstum eine gebrauchwertorientierte Planung der Produktion verlangt. Die Produktivkraftentfaltung kann von Imperativen der Tauschwerterzeugung jedenfalls nicht ohne Verstoß gegen die Systemlogik abgekoppelt werden.«

Das ist, wenn auch der heute etablierte Begriff »Treibhauseffekt« fehlt, im Hinblick auf die Folgen von Energieerzeugung aus fossilen Quellen ziemlich aktuell und hinsichtlich des kritischen Zeitintervalls ebenso hellsichtig wie es wieder auf die Was-tun-Frage und jene nach einer grundlegenden Alternative verweist. 

Nun könnte einem dazu zuerst die Frage einfallen, warum Hedwig Richter die Habermasche Ökolücke nicht auch in ihre SZ-Miniatur thematisiert hat (dort geht es um seine Rolle bei der Demokratieverteidigung). Zum zweiten könnte einem einfallen, über Geiselbergers Beleg hinaus nach weiteren dafür zu suchen, dass Habermas eben doch »über die drängende Gefahr der ökologischen Zerstörung geredet hat«. Das wäre ein bisschen nach Art jener Philologie, als der auch »der Marxismus« oft auftritt. Etwa, um anhand der Schriften nachzuweisen, dass der Alte aus Trier der ökologischen Frage doch mehr Interesse gegenüber erbrachte.

Aber was folgt daraus? Eine gesellschaftliche Rolle spielte es ja nur, wenn aus solchen Erkundungen etwas hervorgebracht wird, was eine Antwort auf die Was-tun-Frage sein könnte. Gerade hier aber liegen ja die Schwächen von sonst sehr lehrreichen Büchern über den doch viel grüneren Marx: »Degrowth-Kommunismus«? Ok, aber da aus der Geschichte schwerlich zu springen ist (selbst wenn diese hin und wieder unerwartete Hüpfer macht), und zudem ein enormes Zeitproblem besteht (siehe Habermas’ Prognose), müsste es vorderhand um Ideen gehen, welche jene strukturellen Blockaden zu überwinden helfen, die nicht einfach durch politischen Willen durchbrochen werden können.

Das führt zu Hedwig Richter zurück. Ob man »lost« schreiben soll oder nicht, schrumpft schnell auf eine Benimmfrage zusammen, wenn man die Möglichkeit erwägt, dass Habermas’ »Ansatz der kommunikativen Vernunft« in dem Spannungsfeld von planetarer Krise und anthropologischer Unfähigkeit, angemessen auf sie zu reagieren, ja tatsächlich nicht mehr Rettung verspricht: Reden, was sonst? 

Es ist aber doch nicht die Verfügbarkeit besserer Argumente das vorrangige Problem. Es fehlt nicht an öffentlichem Raum, in dem diese zirkulieren und sich im Widerstreit mit anderen oder Kritik verbessern können. Sondern dass man trotzdem auf die aufklärerische Kraft der öffentlichen Vernunft nicht mehr hoffen kann. Wegen besagter strukturellen Blockaden, wegen der Gegenkräfte, jener der Beharrung etc. etc. Und wegen der schieren Überkomplexität, aus der folgt, dass eine wirksame Bearbeitung der planetaren Existenzkrise stets zwei neue Probleme hervorbringt. Habermas hat über das »unhandliche Problem von Komplexität und Demokratie« in besagtem Buch von 1973 geschrieben, es ist Teil seiner Auseinandersetzung mit Luhmann.

Auch in Alex Demirovic’ Nachruf auf Habermas steht, die ökologische Krise habe ihn wenig interessiert. Dessen Biograf Stefan Müller-Doohm sieht das anders, der »ökologischen Selbstzerstörung« habe Habermas vor allem später als ein »Symptom des Rückfalls« Aufmerksamkeit geschenkt. Aber was fällt hier wohin zurück? Dass die Petromoderne Phasen hatte, welche Hoffnungen unter anderem auf Verbesserung und Vertiefung von Demokratie machten, ändert ja an dem Grundproblem nichts, welches auch diesen Phasen schon zugrunde lag: dass sie auf einer Produktions-, Konsumtions- und Lebensweise gründeten, welche ohne »Ausdehnung der Kontrolle über die äußere Natur« nicht möglich gewesen wären, also die Hoffnung selbst »eines Tages an Grenzen der biologischen Umweltkapazität stoßen« musste. (tos)

Eva von Redecker: Der Schulleiter ist nicht tot (hier)
Axel Honneth: Im unabgeschlossenen Dialog mit Adorno (hier)
Gerhard Hanloser: Abschied von gestern (hier)
Redaktion Sozialismus: Zum Tod von Jürgen Habermas (hier)
Rainer Forst über Habermas (hier)

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