Klimanotizen 84

Würden Sie in ein Haus einziehen, dass…? Die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses der Atlantikströmung ist wohl größer als bisher angenommen. Und also auch das Risiko von deren Folgen. Über epistemische Unsicherheit, zeitdimensionale politische Selbstblockaden und nicht mehr passende Zeitkulturen.

Wo stehen wir? Vor neuen »ernsthaft schlechten Nachrichten«, wie Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der führenden Experten bei dem Thema sagt: Die Atlantikströmung AMOC schwächt sich stärker ab als angenommen. Forscherinnen aus Frankreich kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass die pessimistischsten Klimamodelle, die von einem starken Rückgang der Strömung von rund 65 Prozent bis 2100 ausgehen, die Realität am besten abbilden. Das untermauert Befürchtungen, dass der Kipppunkt, ab dem ein Kollaps der Strömung unausweichlich wird, bereits um 2050 erreicht wird.

Ein Abreißen der AMOC wiederum hätte laut IPCC gravierende Konsequenzen: extreme Kältewinter und Sommerdürren in Westeuropa, zusätzlicher Anstieg des Meeresspiegel im Atlantik um bis zu einem Meter, Verschiebung des tropischen Regengürtels mit weitreichenden Folgen für die globale  Nahrungsversorgung. Oder in historischer Perspektive: »Die dramatischsten Klimaveränderungen der letzten 100.000 Jahre Erdgeschichte ereigneten sich, wenn die AMOC in einen anderen Zustand wechselte.« (Rahmstorf)

Das alles ist hinlänglich bekannt, wird als Risiko aber ganz offenbar nicht ernst genug genommen. Die Forschung macht keinen Hehl daraus, dass sie nur Wahrscheinlichkeiten angeben, nicht Zeitpunkte vorhersagen oder Folgen detailgetreu ausmalen kann. Das gilt vor allem für Kipppunkt-Prognosen. Die Frage also ist, wie mit Wahrscheinlichkeiten politisch umgegangen wird.

Wir haben das Thema immer wieder angesprochen, es kann in eine einfache Frage gekleidet werden: Würde man in ein Haus einziehen, das mit zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 25 Jahre abbrennt? Sucht man nur für ein paar Tage Unterschlupf, wird man das anders beantworten als wenn es um Lebensplanungen geht – oder Entscheidungen, die gesellschaftliche Reichweite haben. Mit Enzensberger könnte man sagen, »so lange die Hypothese nicht eindeutig widerlegt ist, wird es heuristisch notwendig sein, jeder Überlegung, die sich auf die Zukunft bezieht, ihre Aussagen zugrundezulegen«.

Das hat im Fall AMOC zwei Seiten – auf der einen geht es um die noch verbliebenen Optionen, die Wahrscheinlichkeit des Kipppunktes zu reduzieren, auf der anderen darum, sich auf die Folgen vorzubereiten, sollte der Kipppunkt überschritten werden (was wir mit einer wiederum schwer zu beziffernden Wahrscheinlichkeit womöglich erst Jahre später überhaupt realisieren werden).

Hier liegt einer der entscheidenden politischen Knackpunkte, er setzt sich aus zwei Teilaspekten zusammen: der Widerspruch zwischen der Wissenschaft eigenen epistemischen Unsicherheit und dem Verlangen der Politik nach Eindeutigkeiten einerseits; andererseits die unterschiedlichen Zeitkulturen, in die hier politische Handlungslogik und dort die »politische Physik« der planetaren Krise eingebettet sind. 

Zum ersten Aspekt sei hier noch einmal ein Text von Klaus Ferdinand Gärditz empfohlen, in dem es zwar um die Corona-Aufarbeitung ging, dessen Kern aber für die planetare Krise ebenso gilt: Rechtfertigungskonflikte seien in Zeiten der Pandemie »weitgehend in normative Risikoabwägungen verschoben« worden. Es ging also um die Frage: »Durften unter galoppierenden Unsicherheitsbedingungen nach Vorsorgeprinzip bei Abwägung von Nutzen und Risiken bestimmte Maßnahmen getroffen werden?« Die Corona-Rechtssprechung habe dem Gesetzgeber »mit Recht weitreichende Einschätzungsspielräume zugestanden und nur die Plausibilität der zugrunde gelegten Prämissen überprüft«.

Dass sich politische Verantwortliche heute in Sachen Klima ganz anders verhalten, nämlich normative Risikoabwägungen entweder unterlassen oder die Schlussfolgerungen verschweigen, verdrängen, ignorieren – das dürfte (unter anderem) mit dem zweiten Aspekt zu tun haben, den etwa Thomas Hale in »Long Problems« beschrieben hat: Im Grunde zwingt die planetare Krise zu einem Bewusstsein von der zeitlichen Ausweitung politischer Probleme ganz ähnlich wie die »Globalisierung« zu einer räumlichen Ausdehnung des politischen und staatlichen Fokus geführt hat.

Hale spricht von einem »langfristigen Notstand«, in dem sich Ursachen und Auswirkungen über mehr als eine Generation erstrecken. Bevor politisch auf diesen angemessen reagiert werden kann, muss aber erst einmal ein Verständnis für diese »Long Problems« entwickelt werden. Bleibt dies aus, wird die Bearbeitung der Herausforderungen, selbst wenn dahinter gute Absichten stehen, am »Paradoxon des frühen Handelns«, dem Schattendasein der Interessen zukünftiger Menschen oder an Mechanismen institutioneller Verzögerung zerschellen.

Hale greift auch das Problem der Wahrscheinlichkeiten auf und pocht deshalb auf einen »epistemologischen Wandel«: weg von einer zu engen »Fokussierung auf die Identifizierung von Kausalität«, insofern diese »die Theoriebildung einschränkt, da sie den Untersuchungsgegenstand auf die Vergangenheit beschränkt« – hin zu empirischen Techniken, »die es uns ermöglichen, probabilistisches Wissen über die Zukunft zu entwickeln«.

Man kann durchaus bei seinem eigenen Weltverständnis anfangen: Wie ernst nehme ich Wahrscheinlichkeiten planetarer Krisenentwicklung und seit wann eigentlich? Warum war das früher anders? Welche Rolle spielen Wahrscheinlichkeiten in meiner eigenen Zukunftsbearbeitung, etwa bei Plänen, heutigen Entscheidungen? Und was ändert sich daran, wenn die Forschung ihr Wissen über die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Ereignisse, Folgen usw. ändert?

Rahmstorf hat mit Blick auf die jüngste AMOC-Studie geäußert, für ihn persönlich habe sich die Risikoeinschätzung dramatisch verändert – schließlich habe er »schon bei einer Wahrscheinlichkeit von vielleicht fünf Prozent gesagt, das Risiko eines AMOC-Kollapses sei zu hoch, angesichts der massiven Auswirkungen. Jetzt sieht es aus wie mehr als 50 Prozent.« Das ändert auch die oben formulierte Frage, weil das Haus mit einer höheren Wahrscheinlichkeit abbrennt und das wahrscheinlich auch noch früher. Würden Sie einziehen?

Subscribe to linksdings

Don’t miss out on the latest issues. Sign up now to get access to the library of members-only issues.
jamie@example.com
Subscribe