Klimanotizen 81

2025 war das drittwärmste Jahr. Die deutsche Klimapolitik verliert an Tempo. Ist das der neue »Klimarealismus«? Und erschwert der neue Fokus vieler linker Kräfte auf Bezahlbarkeit die Klimapolitik? Außerdem: Was man vom fast 50 Jahre alten »CO2-Newsletter« lernen kann.

#1 Wo stehen wir? Zwei Wochen nach dem drittwärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Daten des ECMWF gibt es hier. Mauro Facchini von der EU dazu: »Das Überschreiten eines Dreijahresdurchschnitts von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau ist ein Meilenstein, den sich niemand von uns gewünscht hat.« Zeke Hausfather hat hier seine (1,41 Grad Celsius) und die globalen Temperaturprognosen für 2026 anderer Experten zusammengefasst: »Es wird mit ziemlicher Sicherheit eines der vier wärmsten Jahre sein.« James Hansen geht für 2027 von 1,7 Grad Celsius aus. 
Später wird man dann wieder sagen, niemand hätte sich das gewünscht. Was spielt sich jenseits des Wunschbriefkastens ab? Die deutschen Treibhausgasemissionen sind 2025 nur leicht um 9 Millionen Tonnen CO2 (minus 1,5 Prozent zu 2024) gesunken. Damit liegen die Einsparungen bei weniger als der Hälfte jener aus 2024, so Berechnungen von Agora Energiewende Die Minderungen 2025 ergeben sich vor allem aus Produktionsrückgängen durch andauernde Nachfrageschwäche und Weltmarktturbulenzen sowie aus einer Rekorderzeugung von Solarstrom. Zwar steigen die Absätze von Wärmepumpen und E-Autos, aber für die Erreichung der deutschen Klimaziele müsste der CO2-Ausstoß ab sofort jedes Jahr um durchschnittlich 36 Millionen Tonnen sinken – viermal so viel wie 2025. 
Die Klimajahresbilanz des Dezernats Zukunft fällt auch mau aus: »Im Namen von Effizienz verliert die Klimapolitik Tempo und Steuerungsfähigkeit. Mehr Technologieoffenheit, Verschiebungen und Ausnahmen verwässern Preissignale und Regulierung. Die Transformation verlangsamt sich, während der Staat zunehmend Preise subventioniert.« Beim Science Media Center geben Niklas Höhne vom New Climate Institute und Sascha Samadi vom Wuppertal Institut ihre Einschätzungen zur Jahresbilanz. Einerseits werden die Rolle von Sondereffekten (kalter Winter, schwache Windverhältnisse), andererseits die politischen Hemmschuhe diskutiert: Die »Bundesregierung erhöht allein schon mit der Diskussion über abgeschwächte Klimaschutzmaßnahmen die Treibhausgasemissionen«, warnt Höhne, denn: Das klimapolitisch fahrlässige Gerede beeinflusse »schon jetzt Investitionsentscheidungen, bevor überhaupt irgendetwas beschlossen ist«.

#2 Unterdessen macht der gefährliche Irre im Weißen Haus weiter Tabula Rasa. Was zu erwarten ist, wenn die USA nun auch UN-Klimarahmenkonvention, Weltklimarat und Weltbiodiversitätsrat verlassen, wird hier von acht Expertinnen eingeschätzt. Unter anderem mit dem Hinweis, die USA seien damit isoliert. Aber der klimapolitische Revisionismus Trumps hat natürlich dennoch gravierende Folgen, wie auch die beabsichtigte Schließung des Klimaforschungsinstituts NCAR zeigt, was hier ebenfalls acht Expertinnen aus der Sicht ihrer Fachbereiche bewerten. Schon länger ist – nicht nur ausgehend von Trump – vom »Niedergang der Klimapolitik« die Rede, mit Blick auf 2025 nennt Axios ihn »atemberaubend in Geschwindigkeit, Ausmaß und Tragweite«. Das ist einerseits richtig, fördert aber andererseits auch neue politische Bremser-Narrative wie jenes, man habe »den Fokus von übermäßiger Bedeutung auf völlige Bedeutungslosigkeit verlagert«. Übermäßige Bedeutung? Das »Wall Street Journal« wiederum sieht »die Klimakatastrophenszenarien dem Klimarealismus weichen«. Dass man jetzt »realitätsnah regieren« müsse, hört man auch von New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul, die damit neue Erdgasinfrastrukturprojekte verteidigte. Und bei Robinson Meyer spricht ein Vertreter des Mitte-Links-Thinktanks Third Way von einem »Trend zu einem anderen Ansatz in der Energiepolitik, der Kosten und Pragmatismus in den Vordergrund stellt«.

#3 Damit ist eine Frage angesprochen, die auch für hiesige politische Debatten relevant ist: Erschwert der neue Fokus vieler linker Kräfte auf Bezahlbarkeit die Klimapolitik? In einem viel diskutierten Beitrag hat Matthew Yglesias das Beharren der Klimabewegung darauf, Klimaneutralität bis 2050 durch einen schnellen Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen zu erreichen, mit dem Argument zurückgewiesen, damit werde »das Perfekte zum Feind des Guten, verhindert, dass die Demokraten ihre Versprechen zur Bezahlbarkeit einhalten können, und bietet keine Chance, die notwendigen Mehrheiten im Kongress zu sichern, um Investitionen in die Bewältigung der schwierigen Probleme der Dekarbonisierung zu finanzieren.« Bei Meyer sagt der Third-Way-Vertreter: »Bezahlbarkeit ist die Voraussetzung für jedes andere politische Ziel.« Man werde in der Bevölkerung  keine Mehrheiten für Dekarbonisierung finden, wenn sie diese als zu teuer erachten. »In immer mehr Bundesstaaten erwägen Gouverneure und Abgeordnete, ihre Klimaverpflichtungen zurückzufahren – oder haben sie bereits komplett gebrochen –, aus Sorge vor den hohen Kosten, die sie den Wählern bald aufbürden könnten.« Zeke Hausfather hat hier einige Fakten und Anmerkungen zur Debatte beigesteuert, in der es im Grunde um die Frage geht, »wie die Dekarbonisierungsziele am besten praktisch (und politisch) erreicht werden können: durch die Reduzierung des Angebots an fossilen Brennstoffen oder durch die Reduzierung der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen«. Das eine verteuert dreckige Energie etwa durch Emissionshandelssysteme und CO2-Abgaben, das andere wird in der Regel über die Subventionierung von erneuerbaren Energien, dieser entsprechenden Systeme etwa der Hauswärme oder Mobilität und die dafür nötige Infrastruktur erreicht. Das eine erhöht direkte Kosten für die Konsumentinnen, das andere erhöht die indirekten Kosten für den Staat. »Unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen«, so Hausfather, sei es »erfolgversprechender«, es über die Senkung der Kosten sauberer Energie zu versuchen. Ein Problem sei: »Der Übergang zu sauberer Energie wird heute teuer sein, auch wenn er langfristig günstiger sein wird.« (Meyer) Clara Vondrich dagegen verweist darauf, »wie die Klimaverschmutzung die Krise der Lebenshaltungskosten antreibt«. Wer zu recht auf Affordability setze, müsse die Verantwortung der fossilen Brennstoffindustrie in den Fokus stellen. Lebenskosten würden zum Beispiel steigen, weil die Versicherungsprämien aufgrund immer stärkerer Klimawandelfolgen steigen. Auch würden US-Haushalte allein in den ersten neun Monaten 2025 zwölf Milliarden US-Dollar mehr für Erdgas als im Vorjahr bezahlt haben (plus 22 Prozent). Es habe zwar eine inländische Rekordproduktion gegeben, aber eben auch Rekordexporte (nicht zuletzt als LNG in die Bundesrepublik). Berechnungen zufolge könnte allein der beabsichtigte Stopp des Windparkprojekts Revolution Wind durch das Trump-Regimes (derzeit gerichtlich blockiert) die Stromkunden in Neuengland 500 Millionen US-Dollar pro Jahr kosten – weil damit künftige preiswertere Energie verhindert wird. Vondrich zitiert Steven W. Pearce mit dem Rat, es müsste mehr Aufklärungskampagnen geben, »die den Klimawandel mit den wirtschaftlichen Sorgen amerikanischer Familien verknüpft. Ihnen sind die Kosten wichtig? Dann kümmern Sie sich auch um das Klima, denn das Schlimmste steht Ihnen noch bevor.« Im »Guardian« stellt Dharna Noor politische Gruppen vor, die den Zusammenhang von steigenden Lebenshaltungskosten und Klimakrise aufgreifen. Beim linken Climate and Community Institute heißt das »grüner Wirtschaftspopulismus«. Man denkt an die zuletzt vor einem Jahr aufgeflackerte deutsche Debatte über »Klimapopulismus«. Johanna Siebert und Linus Westheuser hatten diesen so definiert: »Er adressiert Verteilungsfragen der Klimaarena und nimmt die Bevölkerung gegen die Profitinteressen der Reichen in Schutz; er skandalisiert die massiven Ungleichheiten in der Verursachung der Klimakrise und kanalisiert die Wut über eine ungerechte Ausgestaltung der Klimapolitik.«

#4 Der klimahistorische Blog All Our Yesterdays hat begonnen, den von 1979 bis 1982 von dem US-Geologen William N. Barbat herausgegebenen »CO2-Newsletter« wiederzuveröffentlichen. Alle 18 Ausgaben werden von einem aktuellen Kommentar begleitet, den Anfang macht der Klimatologe Kevin Anderson. Barbat habe schon vor fast 50 Jahren »den ungebremsten Anstieg des atmosphärischen Kohlendioxids, dessen Hauptursache die Verbrennung fossiler Brennstoffe, und dessen wahrscheinliche Folgen, darunter drohende Hungersnöte sowie soziale und politische Umwälzungen« beschrieben. Barbat plädierte seinerzeit für die Begrenzung des Wachstums der Energienachfrage und einen Ausbau der Kernenergie. Wichtig war ihm außerdem Vernunft, Kooperation und Mitgefühl, nicht als »optionalen Zusätze; sie sind Voraussetzungen für Maßnahmen im erforderlichen Umfang«. Heute, 2026, kann gerade davon auf dem klimapolitischen Feld nicht die Rede sein. Wir haben uns, so Anderson, »für Selbsttäuschung, Fehlinformationen und Lügen entschieden. Schlimmer noch: Dieses Versagen hat sich bis in Expertenkreise ausgebreitet, wo magisches Denken zunehmend bemüht wird, um einen instabilen Status quo zu stützen, oder stillschweigend durch kollektives Schweigen gebilligt wird. Die Gesetze der Physik bleiben jedoch von Rhetorik und Unterlassung unberührt.« Als den entscheidenden »Widerspruch unserer Zeit« macht Anderson aus: »eine Spezies, die zu außergewöhnlicher Erkenntnis fähig ist, aber scheinbar unfähig, in ihrem eigenen langfristigen Interesse zu handeln«. 

#5 Das unternehmensnahe IW Köln hat die Ergebnisse einer Befragung veröffentlicht, laut der knapp die Hälfte der Bundesbürger den Umbau der Industrie hin zur Klimaneutralität auch dann befürworten, »wenn sie im unmittelbaren Wohnumfeld stattfindet. Nur jeder Siebte lehnt ihn ab, weitere 38 Prozent sind unentschlossen.« Zu diesem Wandel gerechnet wurde etwa der Ausbau von Stromtrassen, Wasserstoff- und CO2-Netzen, neue Windräder und Solarparks sowie Anpassungen in bestehenden Industrieanlagen. »Trotz der erwartbar weitreichenden Eingriffe sieht nur ein kleiner Teil der Bevölkerung diese Entwicklungen kritisch.« Gleichzeitig, heißt es mit Blick auf die Daten, »unterschätzen fast 70 Prozent der Menschen, wie stark ihre Region betroffen ist. Auffällig: Auch wenn die Bürgerinnen und Bürger über das Ausmaß der infrastrukturellen Veränderungen informiert werden, steigt die Ablehnung nicht. In Gebieten, die wenig oder gar nicht betroffen sind, steigert eine entsprechende Information sogar die Zustimmung. Eine Ausnahme sind AfD-Sympathisanten.« Mit der Studie will das IW Köln die entscheidende Rolle der Kommunikation vor Ort betonen. »So lässt sich der Gefahr entgegenwirken, dass kritische Minderheiten lokale Meinungsführerschaften erringen und die notwendigen Anstrengungen zur Klimaneutralität torpedieren.« 

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