Klimanotizen 49

Eine Umfrage unter führenden Klimaforscherinnen zeigt nicht nur deren wachsenden Pessimismus, was die Chance angeht, noch die Klimaziele zu erreichen. Viele zeigten sich auch »hoffnungslos, wütend und verängstigt«, weil politisch viel zu wenig gegen die planetare Krise getan wird.

#1 Wo stehen wir? »Schlaglichter aus dem Katalog der Extremwetterereignisse« der vergangenen Tage hat Christian Stöcker. Vor allem das Ausmaß der Hitzewelle in Asien ist enorm, Tzeporah Berman von Stand.Earth mit dem Stand vor ein paar Tagen. »In Südostasien wird derzeit ein Temperaturrekord nach dem anderen gebrochen«, heißt es hier. »Bis 2100 könnten Teile Asiens zu heiß für menschliches Leben sein«, lautete vor einigen Jahren einmal eine Schlagzeile über eine damals aktuelle Studie - »wenn der CO2-Ausstoß nicht verringert wird«. Tja. Laut der jüngsten Zahlen des Carbon Monitor liegen die globalen Kohlendioxid-Emissionen der ersten drei Monate dieses Jahres etwa auf dem Stand von 2023 und über dem von 2019, dem Niveau vor der Pandemie. Zeke Hausfather taxiert auf Grundlage der neuesten ERA5-Daten des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts die Wahrscheinlichkeit dafür, dass 2024 das Jahr 2023 als wärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen übertreffen wird, bei etwa 66 Prozent, die Gesamterwärmung werde wohl knapp über 1,5 Grad liegen. 

#2 Jaja, das 1,5-Grad-Ziel. Der »Guardian« hat weltweit führende Klimaforscherinnen dazu befragt, wie deutlich die internationalen Klimaziele wohl verfehlt werden. 80 Prozent der Befragten, allesamt vom IPCC, rechnen mit einer mit einer globalen Erwärmung von mindestens 2,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau, fast die Hälfte sogar mit mindestens 3 Grad. Nur eine kleine Minderheit geht noch vom Erreichen des 1,5-Grad-Zieles aus. Von »halbdystopischen« Aussichten sprechen die Experten; viele von ihnen »gaben an, dass sie sich hoffnungslos, wütend und verängstigt fühlten, weil die Regierungen trotz eindeutiger wissenschaftlicher Beweise nicht handeln würden.« In einem zweiten »Guardian«-Stück kommen einige der Forscherinnen zu Wort. »Es ist die größte Bedrohung, der die Menschheit je ausgesetzt war, mit dem Potenzial, unser soziales Gefüge und unsere Lebensweise zu zerstören. Es hat das Potenzial, Millionen, wenn nicht Milliarden durch Hunger, Krieg um Ressourcen und Vertreibung zu töten. Keiner von uns wird von der Verwüstung verschont bleiben«, wird etwa James Renwick von der Victoria University of Wellington, Neuseeland, dort zitiert. Sie könne »keine größere Verzweiflung über die Zukunft empfinden«, sagt Gretta Pecl von der University of Tasmania. Jüngere Wissenschaftler und Frauen zeigten sich in der Umfrage pessimistischer.

#3 In den Diskussionen über die Gründe für die außergewöhnlichen Sprünge in den Klimadaten des vergangenen Jahres spielte die sehr wasserreiche Eruption des untermeerischen Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha‘apai im Südpazifik Anfang 2022. Unter anderem hier wurde prognostiziert, dass sich aufgrund dieses Ereignisse »die Erde wohl für einige Jahre zusätzlich erwärmen wird«. Anderswo ist das Hunga-Tonga-Argument bisweilen auch in beschwichtigender Absicht vorgetragen worden: Der nur 11-stündige Ausbruch mit der höchsten jemals beobachteten Eruptionssäule ist ja nicht menschengemacht; zusammen mit den ebenfalls natürlichen El-Nino-Schwankungen könnten 6-Sigma-Ereignisse des Jahres 2023 etwa beim Rückgang der Eisausdehung in der Antarktis ja vielleicht nur einmalige Ausreißer sein… Naja. Andrew Dressler, Direktor des Texas Center for Climate Studies, hat mit Kollegen eine Studie (noch im Review) vorgelegt, in der die klimatologischen Auswirkungen des Vulkanausbruchs in den letzten zwei Jahren abgeschätzt werden: Nettoeffekt war eine geringe Abkühlung der Erde.

#4 Laut einer neuen Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung hat die Artenvielfalt im 20. Jahrhundert allein durch veränderte Landnutzung um 2 bis 11 Prozent abgenommen. Modellrechnungen zeigen zudem, »dass der Klimawandel bis Mitte des 21. Jahrhunderts zum Hauptgrund für den Rückgang biologischer Vielfalt werden könnte«. Das rückt eine weitere der Planetaren Grenzen mal wieder etwas in den Blickpunkt, deren dauerhafte Überschreitung mit kaum zu ermessenden Folgen einhergehen wird. Hier wird eine Metastudie bewertet, laut der Naturschutzmaßnahmen die Biodiversität durchaus verbessern können. Aber was hilft es, wenn man hinten wieder einreißt, was man vorne gerade ein bisschen repariert hat. Apropos Überlastung: Anfang Mai war »Erdüberlastungstag«. Würden alle Menschen so leben wie in der Bundesrepublik, wären die pro Jahr nachhaltig zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen bereits aufgebraucht. Große Schlagzeilen hat das nicht (mehr) gemacht, wohl gerade weil es jenen Tag markiert, »ab dem wir bis Jahresende quasi ungefragt Schulden bei anderen machen: bei Menschen im globalen Süden, die deutlich weniger verbrauchen als ihnen zustünde, sowie bei Kindern und nachfolgenden Generationen, die mit den Folgen der jahrzehntelangen Übernutzung umgehen müssen«. Derweil hat sich die italienische Regierung auf ein neues Dekret verständigt, das Photovoltaik-Anlagen auf landwirtschaftlichen Flächen vollständig verbietet. Wenn das zu den Dauerempörten hierzulande durchsickert, wird es wohl die nächste Abwehrschlacht gegen notwendige Veränderung geben. In Berlin sind mehrere Klimaaktivisten seit mehreren Wochen im Hungerstreik; es soll Druck auf die Politik gemacht werden. Ein verzweifeltes Sinnbild für das Ausbleiben des Vernünftigen. Und wenn dann einmal jemand auf einen der Punkte hinweist, die von fast allen Akteuren ängstlich umschlichen werden - »ohne Einschränkung wird es nicht gehen« - kommt irgendeine rechtsradikale Dreckschleuder, und ruft die Meute zum nächsten Volkszorn: »Bundesregierung bestätigt offiziell, dass sie Reisen, Autofahren, Fleischessen und Konsum einschränken will.« Ach, wäre es doch so. 

#5 Apropos De-Thematisierung. Schaut man sich den Europawahlkampf an, spielt die planetare Krise aber kaum eine Rolle. Es spielt ja nicht einmal Europa eine Rolle, vieles dreht sich um Worthülsen oder wutbewirtschaftende Abrechnung mit der Ampel. Dabei sind vor allem die Grünen Ziel aggressiver Verdrängung. Bernd Ulrich hat diese jetzt »die erste bürgerliche Partei des 21. Jahrhunderts« genannt, »die nicht nur Ansprüche des Bürgertums artikuliert, sondern Ansprüche an das Bürgertum hat. Vielleicht werden sie deswegen so attackiert.« So gesehen ist dann doch die Klimafrage adressiert - in regressiver Variante. Das passt zu neuen Zahlen, die auf eine Art Klimamüdigkeit hinweisen: Zwar wollen immer noch recht stabile Mehrheiten wirksamen Klimaschutz, aber das Problembewusstsein nimmt auch angesichts anderer Krisen ab; hinzu kommen Ohnmachtsgefühle, das Vertrauen in die Wissenschaft sinkt. Gleichzeitig wird davor gewarnt, die Klimamüdigkeit politisch überzubetonen, auszuschlachten oder sonstwie zu befeuern, wie das Jaques Dolores Centre warnt. Rüttelt es vielleicht Mehrheiten auf, wenn man die Klimakrise möglichst als nahe und persönliche Bedrohung darstellt? Dieser Frage geht Christoph von Eichhorn nach, es geht unter anderem um die »Optimismus-Bias«, laut der Menschen generell eher glauben würden, dass es sie selbst schon nicht so hart treffen wird wie andere. Weshalb der »Klimawandel zuverlässig in der mentalen Schublade für alles Abstrakte landet«. So oder so: Wie die Klimakrise subjektiv verarbeitet wird, welche Chancen auf Durchsetzung klimapolitische Schritte haben und so weiter - das hängt nicht zuletzt davon ab, wie Medien darüber berichten. Weshalb an dieser Stelle noch auf das Netzwerk Klimajournalismus hingewiesen werden soll, das sich dafür einsetzt, dass dies im planetaren Sinne geschieht.

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